Gemeinsam Bayerns Natur schützen

International bedeutsames Rast- und Überwinterungsgebiet für Wasservögel

überwinternde Tauchenten in der Roseninselbucht (Foto: P.Brützel)
überwinternde Tauchenten in der Roseninselbucht (Foto: P.Brützel)

Der Starnberger See hat zentrale Bedeutung für den Vogelzug – er ist ein international bedeutsames Rast- und Überwinterungsgebiet für Wasservögel.

Während im Mai kaum  1.000  Wasservögel den See bevölkern, sind es in den Herbst- und Wintermonaten, zwischen regelmäßig 20.000, in manchen Jahren 25.000 Wasservögel, die hier rasten oder überwintern. Durch Ringfunde ist belegt, dass die Vögel aus Skandinavien, dem Baltikum, aus Weißrussland, von der Eismeerküste Westrusslands, ja sogar aus den Weiten Sibiriens, aus über 4.000 km Luftlinie Entfernung kommen. Sie entfliehen dem Frost ihrer menschenleeren Brutgebiete, um an den großen voralpinen Seen – Chiemsee, Ammersee, Bodensee und dem Starnberger See - Nahrung zu finden und die Energiereserven zu erneuern für den Flug zurück im beginnenden Frühjahr.      

Diese Seen sind seit 1976 aufgenommen in die weltweit geführte Liste der „Feuchtgebiete von inter-nationaler Bedeutung“, unterstehen also dem Schutz der „Ramsar-Konvention“ von 1971.  Zudem wurde der Starnberger See in das zusammenhängende europäische ökologische Netz als „Natura 2000“-Gebiet aufgenommen. Hier gelten also die europäische Vogelschutzrichtlinie wie auch die Fauna-Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie der Europäischen Union.

Welche Eigenschaften machen den Starnberger See zu einem Dreh- und Angelpunkt des Vogelzugs?

Blick auf den Starnberger See von Norden. Mit Leustettener Moos, See mit Roseninsel und dem Zughindernis der nördlichen Kalkalpen (Wettersteingebirge mit Zugspitze und dem Ammergebirge) (Foto: Dr.M. Reinhardt)
Blick auf den Starnberger See von Norden. Mit Leustettener Moos, See mit Roseninsel und dem Zughindernis der nördlichen Kalkalpen (Wettersteingebirge mit Zugspitze und dem Ammergebirge) (Foto: Dr.M. Reinhardt)

Der Starnberger See ist mit einer Seefläche von 54,5 qkm Bayerns zweitgrößter See, hat aber mit seiner Tiefe von bis zu 128 m (mittlere Tiefe 57 m) mit 3,0 Mio Kubikmetern das größte Wasservolumen aller bayerischen Seen.
Damit hat er ein sehr großes Vermögen, die sommerliche Wärme zu speichern. Dies wird noch dazu dadurch gefördert, dass er kaum oberflächliche Zuflüsse besitzt, sein Wassereinzugsgebiet ist sehr beschränkt. Sein Wasservorrat wird also hauptsächlich von Himmelswasser (Regen) gespeist. Es fehlt im zugleich der Zufluss spätherbstlichen Schnee-Schmelz­wassers, das seinen Wärmevorrat „verdünnen“ würde. Unter Bayerns Seen ist er damit derjenige, der am seltensten zufriert – nur alle zehn Jahre im Durchschnitt. Weil mit den fehlenden Zuflüssen auch kein Geschiebe und Schwebeteilchen eingeschwemmt werden, ist die Sichttiefe mit bis zu 14 Metern ungewöhnlich groß – klares Wasser ist von Vorteil für die Fische jagenden See- und Lappentaucher. Da er keinem Eintrag von außen, etwa durch Düngemittelrückstände aus der Landwirtschaft ausgesetzt ist, ist seine Wasserqualität hervorragend, sie erreicht nahezu die Stufe eines oligotrophen, also nährstoffarmen Gewässers, Bade- und Trinkwasserqualität hat er ohnedies. Dies wiederum fördert  das Wachstum von Armleuchteralgen (Characeen), die auf nährstoffarmes, kalkhaltiges Wasser angewiesen sind. Diese Characeen gehören zur bevorzugten Nahrung etwa der Kol­ben­ente Die gute Wasserqualität hat auch eine reichhaltige Fischfauna zur Folge. Etwa 25 aktive Berufsfischer bewirtschaften den See vor allem mit Renke, See­­saibling, Seeforelle und Zander.

Als klassischer Zungenbeckensee ist der Starnberger See ein Kind der Eiszeiten, deren Gletscher sein Becken aus­gehobelt, wieder verfüllt und zuletzt, in der Würmeiszeit, wieder ausgeräumt haben. Sein Ausfluss, die Würm, gab dieser Eiszeit, die vor etwa 15.000 Jahren zu Ende geqangen ist, ihren Namen.

Welche Vogelarten rasten und überwintern nun hier?

Flachwasserzone in der Bucht bei der Roseninsel, Feldafinger Gestade. Hier können sich bis zu mehrere Tausend Wasservögel aufhalten – Nahrung suchend und ruhend.(Foto: H.Guckelsberger)
Flachwasserzone in der Bucht bei der Roseninsel, Feldafinger Gestade. Hier können sich bis zu mehrere Tausend Wasservögel aufhalten – Nahrung suchend und ruhend.(Foto: H.Guckelsberger)

In den Wintermonaten werden am Starnberger See zwischen 20.000 und 25.000 Wasservögel gezählt.

Den Löwenanteil von etwa 10.000 Individuen machen Blessrallen aus. Hinzu kommen durchschnittlich 3.500 Tafelenten, 2.500 Reiherenten und im Spätherbst ca.  1.000 Kolbenenten. Später im Winter gesellen sich Schellenten hinzu. Sie alle sind Tauchenten, die ihre Nahrung – Schnecken, (Dreikant-)Muscheln oder Algen - aus bis zu 6 m Tiefe herauftauchen können. Sie sind auf die nicht allzu großen Flachwasserzonen um die Roseninsel, im Tutzinger Karpfenwinkel und bei Seeseiten, die Buchten von St. Heinrich und Starnberg-Percha sowie auf wenige Abschnitte des Ostufers angewiesen.

Hinzu kommen fischverzehrende Arten: In Ufernähe kann man neben zahlreichen Haubentauchern, auch die anderen Lappentaucherarten beobachten. Regelmäßig zu sehen sind Zwergtaucher und Schwarzhalstaucher, vereinzelt zu sehen sind Rothalstaucher und Ohrentaucher. Sehr viel schwerer zu beobachten sind jedoch die großen Seetaucher wie Prachttaucher, Sterntaucher und sogar gelegentlich Eistaucher, die sich im uferfernen Freiwasser auf Fischjagd begeben. Im Winter kann die Zahl der Kormorane durch Zuzügler auf über hundert anwachsen, im Sommer sind es etwa 30, die ihren einzigen Schlafplatz auf Bäumen auf der Roseninsel haben – eine Brutkolonie hat sich noch nicht etabliert.

Über die Bedeutung des Starnberger Sees als Mauser-Rückzugsgebiet gibt es noch wenige Erkenntnisse. Es ist aber davon auszugehen, dass vor allem die Schilfzonen zwischen Tutzing und Seeshaupt auch Mausergebiete mit wachsender Bedeutung sind.

Welche Konsequenzen hat dies für den Schutz dieser Arten – oder sollte dies haben?

Energiezehrende Fluchtreaktion – ausgelöst durch ein noch weit entferntes Motorboot (etwa Bildmitte) (Foto: W.Frisch)
Energiezehrende Fluchtreaktion – ausgelöst durch ein noch weit entferntes Motorboot (etwa Bildmitte) (Foto: W.Frisch)

Nach ihrem Kräfte zehrenden Zug aus Nord- und Osteuropa in ihr Winterquartier müssen diese „Nomaden der Lüfte“ ihre Fettreserven wieder auffüllen, um den Winter zu überstehen und gerüstet zu sein für den Zug zurück in die Brutgebiete. Das bedeutet auch, dass sie ihre Energiereserven schonen, jedes unnötige Auf-fliegen, jede unnötige Flucht vermeiden müssen. Dabei reagieren sie in der für sie fremden Umgebung, von der hormonell gesteuerten Zug-Unruhe zusätzlich sensibilisiert, besonders empfindlich auf Störungen. Schon einzelne besonders „nervöse“ Tiere können in einem Mitreiß-Effekt einen ganzen Schwarm von vielen hunderten von Vögeln aus der Ruhe in die Luft scheuchen. Diese „Kaltstarts“ zehren viel mehr als ein ruhiger, langer Flug an den Fettreserven.

Schon ein einzelnes Boot – Motorboot, Kajak, Segelboot, Ruderboot -,  ein fauchender oder zu tief fahrender Heißluftballon, ein einzelner Windsurfer, Kiter, oder Stand-up-Paddler kann Massenfluchten auslösen. Die Tauchenten flüchten ins offene, tiefe Freiwasser, wo die Nahrung für sie unerreichbar ist, sie hungern dort. Nur wenige Arten können auch nachts, wenn sie wieder in die Flachwasserzonen zurückgekehrt sind, Nahrung aufspüren. Es ist leicht verständlich, dass insbesondere die Wasservogeljagd, auch vom Ufer aus praktiziert, schon durch den Büchsenknall einen ver­heerenden Vertreibungseffekt provoziert, egal, auf welche Art geschossen wurde.

Das Bemühen der LBV-Kreisgruppe Starnberg konzentriert sich daher seit vielen Jahren darauf, Störungen zu minimieren. Die freiwilligen Vereinbarungen beruhen auf einem Kompromiss: Naturschutzfachlich gese­hen sind die besondere Beruhigung und die Beachtung der Ruhezonen bereits ab Anfang Oktober notwen­dig. Ein Bestehen auf dieser Forderung jedoch hätte die gesamte Vereinbarung zum Scheitern verurteilt. Daher kann der LBV nur dringend bitten, bereits ab An­fang Oktober besondere Rücksicht auf die Ansammlungen von Wasservögeln zu nehmen: Vor allem in den ufernahen Bereichen und in den Flach­wasserzonen wie der Bucht bei der Roseninsel und dem Karpfen­winkel, die Uferzone zwischen Bernried und St. Heinrich, am mittleren Ostufer und auch in der Starnberger Bucht

 

In einer freiwilligen Vereinbarung zeigte bahnbrechend der Bayerische Seglerverband 1997 sehr viel Einsicht: Auf den drei großen Seen Bayerns, die auch Ramsar-Gebiete sind, also Chiemsee, Ammersee und Starnberger See – verzichten seine Mitglieder freiwillig in der Zeit vom 1. November bis 30. März auf die Ausübung des Segelsports. Diese Selbstverpflichtung hat der BSV all die Jahre hindurch immer wieder bestätigt.

 

Dieser freiwilligen Vereinbarung mit dem Um­weltministerium, damals geführt von Dr. Thomas Goppel, schlossen sich am Starnberger See die Werft­besitzer (und damit Liegeplatzvermieter) am Starnberger See an, die Berufs­fischer versprachen be­son­dere Rücksicht auf Ansammlungen ruhender Wasservögel.

 

Der Bayerische Ruderverband schloss sich - in zwischenzeitlich etwas modifizierter - Form an: Ufernahe Bereiche werden gemieden, Zeiten der Sport­aus­übung begrenzt (Details dieser Vereinbarung können Sie hier nachlesen).

 

Die im Gebiet heimischen Piloten von Heißluftballons  konnten wir später über­zeugen, Rücksicht zu nehmen und Mindesthöhen beim Überfahren einzuhalten.

Wasservögel mit Achter
Wasservögel mit Achter

 

 

Ein Bild von den Ketten von Wasservögeln, die entlang der Ufer ruhen, mag zeigen, weshalb die Ruderer gebeten werden, nicht ufernah, sondern möglichst weit ab vom Ufer ihren Sport auszuüben. Auf dem Foto kann man im Hintergrund einen vorbeifahrenden Achter kennen, der die Vögel nicht stört.

 

Erheblichen und jahrelang anhaltenden Widerstand dagegen gab (und gibt) es bei den „See-Jägern“, die zunächst nur die Wasservogeljagd vom Boot aus einstellten. Inzwischen wurden einige Jagdruhezonen in die Jagdpachtverträge aufge­nommen, die eigentlich gebotene und zumutbare vollständige Einstellung der Wasservogeljagd in diesem Vogelschutz­gebiet von internationalem Rang konnte jedoch noch immer nicht erreicht werden.

Kitesurfer
Kitesurfer

 

Anhaltend sind Störungen, die von nicht oder nur wenig organisierten Freizeit-See-Nutzern ausgehen: Starkwindsurfer, Kite-Surfer, Kajakfahrer, neuerdings Stand-up-Paddler, auch Mietbootfahrer sind für freiwillige Selbstbeschränkungen so gut wie nicht erreichbar. Zwar hat das Landratsamt Starnberg 2006, im Anschluss an die Verabschiedung des Gewässerentwicklungskonzepts, eine Karte mit notwendigen Ruhezonen – ganzjährige und saisonale – herausgegeben. Diese sind im übrigen nicht nur für Wasser-vögel, sondern auch für Fischschonbezirke gedacht. Zu einer rechtlich bindenden Um­setzung ist es noch nicht gekommen, nicht einmal zu einer öffentlich erkennbaren Beschil­derung und Betonnung dieser Ruhe­zonen.

 

Damit bleibt es für den LBV Starnberg mit seinem ehrenamtlichen wie auch dem (seit 1998) bestellten Ramsar-Ge­bietsbetreuer eine Daueraufgabe, immer wieder auf die internationale Bedeutung dieses Sees hin­zu­weisen und durch Aufklärung die notwendige Rücksichtnahme zu erreichen oder zu erhalten und, wo umgänglich, auch hoheitliche Maßnahmen und deren Umsetzung anzumahnen.

(Text und Fotos, soweit nicht anders angegeben:  Horst Guckelsberger)