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Der Grünspecht (Picus viridis)

Grünspecht
Grünspecht (Foto: Antje Geigenberger)

Ab Ende Januar ist an meist sonnigen oder milden Tagen schon der Revier- und Balzgesang des Grünspechts zu hören: ein lautes, weit schallendes Lachen 'Klü klü klü", das nicht wie bei der Zwillingsart, dem Grauspecht, langsamer wird und in der Tonhöhe abfällt.

 

Im Gegensatz zu den meisten anderen Spechten trommelt der Grünspecht dagegen kaum. Oft sieht man ihn dann in dem für Spechte typischen charakteristischen Wellenflug, an einem Baumstamm oder häufig am Boden sitzend. Da er sich - neben anderen Insekten und Beeren - fast ausschließlich von Ameisen ernährt, die er auf vegetationsarmen Stellen am Boden sucht, gehört er zusammen mit dem Grauspecht zu den Erdspechten.

 

Der Grünspecht liegt mit seiner Größe von 30 bis 36 cm zwischen der des Grau- und des Schwarzspechts. Das Gefieder ist auffallend bunt: der Rücken und die Flügel sind olivgrün, der Bürzel grüngelb, Kopfoberseite und Nacken dunkelrot, dazu hat er hellblaue Augen und eine charakteristische schwarze Zeichnung im Gesicht mitsamt einem Bartstreif. Dieser ist bei dem Weibchen ganz schwarz, bei dem Männchen rot mit schwarzer Umrandung, das ist der einzige Unterschied in der Gefiederfärbung zwischen den Geschlechtern. Das Männchen ist außerdem etwas größer als das Weibchen. Da Spechte ausgeprägte Einzelgänger sind, rufen sowohl die Grünspechtmännchen als auch die Weibchen, da dieses auch der Revierverteidigung dient.

Grünspecht
Grünspecht (Foto: Antje Geigenberger)

Der Grünspecht ist vor allem ein europäischer Vogel, mehr als 90% seines Bestandes kommt in Europa vor. Seine Ausbreitung geht außerdem in den nahen Osten bis in den Iran. Er benötigt geeignete Bäume für die Bruthöhle und freie Flächen, auf denen er in der Brutzeit Wiesenameisen findet. Daher kommt der Grünspecht in lichten Wälder, Parks, baumbestandener offener Landschaft, in Ortschaften und besonders häufig auf Streuobstwiesen vor. Ein neuerer Lebensraum hat sich auf Industriebrachen entwickelt.

 

 

Für ihre Nahrungsaufnahme besitzen sie eine sehr lange und dünne Zunge, an deren Spitze kleine Widerhaken sind. Hiermit können sie in Ameisengänge am Boden oder in Ameisenhaufen gelangen und vor allem Puppen und Larven, die besonders eiweißhaltig sind, erbeuten, indem diese an der Zunge kleben bleiben. Dabei besitzen sie nicht nur eine außergewöhnliche Feinmotorik der etwa 10 cm langen Zunge - die im Ruhezustand um Zungenbeinhörner geschlungen wird- , sondern weisen auch ein erstaunliches Gedächtnis auf, was die Lage verschiedener Ameisennester betrifft. Diese können sie auch im Winter unter Schnee wiederfinden und graben sich dann durch Schneegänge, um zu diesen zu gelangen. Diese Leistungen sind durch eine hohe Anzahl relativ kuzer Neuronen im Gehirn möglich, in einer Skala der intelligentesten Vogelarten stehen Spechte allgemein auf Rang 4. 

Grünspecht
Grünspecht (Foto: Antje Geigenberger)

Die Winternahrung des Grünspechts besteht vor allem aus Waldameisen, die er im kältestarren Zustand aus ihrem Bau hervorholt. Da er sich dabei durch den Ameisenhaufen gräbt, kann dieser schließlich ganz zerlöchert aussehen. Im Laufe eines Winters werden aber nur maximal 5% der Ameisenpopulation eines Ameisenhaufens verzehrt.

 

Die Nähe zur Ameise wird auch zu der Gefiederpflege genutzt: Grünspechte sitzen dann mit ausgebreiteten Flügeln auf Ameisenhaufen und lassen sich 'einemsen', d.h. mit Ameisensäure besprühen. Dies ist wahrscheinlich eine Maßnahme gegen Schädlinge oder hält auch die Federn geschmeidig. Die Bruthöhle des Grünspechts ist daher schon an dem Geruch nach Ameisensäure zu erkennen.

 

Trotz der frühen Balz beginnt die Brutsaison der Grünspechte erst relativ spät. Das liegt daran, dass die eher aggressiven, einzelgängerischen Spechte sich nur langsam einander annähern. Im April kann man von lautem Rufen begleitete rasante Verfolgungsjagden am Baum oder Verfolgungsflüge beobachten, unterbrochen von langsamen "Flatterschwebflügen" der Männchen mit aufgestelltem Schwanz und flachen Flügelschlägen, die als Beschwichtigung dienen.  Ende April konnte unverhofft ein "Balztanz" mit einer Handykamera gefilmt werden. Auch hier ist zu sehen, dass die Balzrituale stark den Drohgebärden ähneln, die nur durch Nuancen abgeschwächt werden.

Grünspecht an der Höhle
Grünspecht an der Höhle (Foto: Antje Geigenberger)

Oft wird das Weibchen bei der Balz auch vom Männchen gefüttert.

 

Der Grünspecht brütet in einer selbstgezimmerten Bruthöhle, die von dem Paar gemeinsam, mehr aber von dem Männchen, gebaut wird. Dazu benötigt er dicke Baumstämme mit weichem Holz, z.B. von Pappeln, Weiden oder alten Obstbäumen. Oft werden Höhlenbauten begonnen und dann wieder beiseite gelassen. Pilze, die auch vom Spechtgefieder eingetragen werden, befallen das Holz und machen es weicher. Im folgenden Jahr wird dann oft an diesen Höhlenanfängen weitergebaut. Die Bruthöhlen liegen dabei in einer Höhe von 2 bis 10 m und müssen oft gegen andere Interessenten (u.a. Kleiber, Eulen, andere Spechte, Fledermäuse, Bienen, Baummarder) verteidigt werden. Das Innere der Bruthöhle wird nur mit Sägespänen gepolstert. Darauf legt das Weibchen Ende April oder Anfang Mai im Normalfall 6 Eier in einem Legeabstand von jeweils einem Tag. Es gibt nur eine Jahresbrut, falls diese früh verloren geht, können maximal bis zu zwei Nachbruten erfolgen.

 

Das Paar wechselt sich beim Brüten ab, nachts brütet aber nur das Männchen. Nach 14-17 Tagen schlüpfen die Jungvögel synchron. Sie werden mit Ameisen aus dem Kropf der Grünspecht-Eltern großgezogen. Eine Fütterung sieht damit völlig anders aus als z.B. bei dem Buntspecht, der das Futter in der Schnabelspitze heranträgt: die Grünspechte würgen aus ihrem Kropf die Nahrung direkt in den Schlund der Jungen. Für die Aufzucht einer Brut werden dabei etwa 1,5 Millionen Ameisen benötigt.

Grünspecht
Grünspecht (Foto: Peter Witzan)

Junge Grünspechte sind stark gefleckt. Sie werden nach einer Nestlingszeit von 23-27 Tagen flügge und nach dem Ausfliegen weiterhin von beiden oder einem der  Eltern weitere 3-7 Wochen begleitet. Es gibt im Juni/Juli dann ganze Familienverbände.

 

Der Grünspecht ist ganzjährig in seinem Brutgebiet. Oft fliegt er täglich seine angestammten Routen und ist immer wieder exakt an derselben Stelle an einem Baum anzutreffen. Er erreicht ein Alter von nachgewiesenen 15 Jahren, für die Jungvögel ist aber das erste Jahr sehr gefährlich, sie können z.B. von einem Habicht erbeutet oder Opfer im Straßenverkehr werden. Größere Einbrüche in der Population erfolgen kurzfristig durch strenge Winter mit hohem und bis in das Frühjahr liegen bleibendem Schnee, langfristig durch Pestizideinsatz und Lebensraumverlust.

 

Bis in die 1980iger Jahre war er bei uns eine sehr häufige Spechtart, gefolgt von einem starken Rückgang, während er jetzt wieder eine positive Bestandsentwicklung aufweist. Dabei profitiert er von den mit dem Klimawandel einhergehenden milden Wintern und dem erhöhten Anteil an Laubbäumen in der Forstwirtschaft. Dieser Trend muss durch verminderten Einsatz von Pestiziden und den Erhalt der wertvollen Streuobstwiesen weiter gefördert werden.

 

In Bayern ist der Grünspecht ein häufiger Brutvogel mit hohen Dichten in den Auwäldern entlang der Donau und Isar sowie in den Alpen mit einem sigifikant positiven Bestandstrend. Laut dem Atlas der Brutvögel in Bayern (2012) wird der Bestand auf 6500 bis 11000 Brutpaare geschätzt. Auch im Starnberger Seengebiet ist er außer in dichten Wäldern nahezu flächendeckend anzutreffen.

 

(Text: Ulrike Hars)

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