Gemeinsam Bayerns Natur schützen
Kraniche (Jungvogel und Altvogel) - Foto: Thomas Hafen
Kraniche (Jungvogel und Altvogel) - Foto: Thomas Hafen

17. Juni 2026 

 

Gut 35 Interessierte hatten sich am 17. Juni 2026 in der Fattoria in Drößling zum Orni-Stammtisch getroffen. 

Den Vortrag hielt Dr. Miriam Hansbauer zum Thema "Kraniche über Bayern - Zugwege entlang der Alpen". 

Miriam Hansbauer ist die bayerische Vertreterin bei „Kranichschutz Deutschland“ und war bis vor kurzem Sprecherin bei "Kranichschutz Deutschland".

Vor über 10 Jahren hatte Miriam Hansbauer schon einmal zu diesem Thema bei der ASO  vorgetragen. Inzwischen wurden viele neue Erkenntnisse gewonnen, die die Erweiterungen der Zugrouten bei den Kranichen belegen und begründen.

 

Im Wesentlichen gibt es drei verschiedene Zugrouten für den Europäischen Kranich (Grus grus).

 

Der Westeuropäische Zugweg führt von den Brutgebieten in (West-) Skandinavien, Norddeutschland und Westpolen über Nord- und Westdeutschland und die Mitte Frankreichs nach Südfrankreich und Spanien. 

 

Der Osteuropäische Zugweg geht von Finnland, West-Russland und den baltischen Staaten nach Süden über die Ukraine, das Schwarze Meer und die Türkei bis nach Israel und Ostafrika (Äthiopien). 

 

Der Baltisch-Ungarische oder Adriatische Zugweg geht von Ostskandinavien, den baltischen Staaten und West-Russland über Ungarn (Hortobagy), die Adria (Balkanstaaten, Italien) bis nach Nordafrika.

 

Bei dem Baltisch-Ungarischen Zugweg hat sich nun in den letzten Jahrzehnten eine signifikante Änderung ergeben. 

 

 

Das übliche Bild der Kranichbeobachtungen in Deutschland sah im Wesentlichen so aus, wie die nebenstehende (Teil-)Auswertung aus ornitho.de es darstellt. Kraniche wurden im Wesentlichen in Ostdeutschland, Norddeutschland und auf der Westeuropäischen Zugroute über Nordrhein-Westfalen und Hessen beobachtet. 

Im  Süden Deutschlands (Bayern / Baden Württemberg) konnten Kraniche nur sehr selten beobachtet werden.

Konnte das wirklich sein? 

Es gab zwar einige historische Kranichbeobachtungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert in Bayern, aber über einen Kranichzug in Bayern war nichts bekannt. 

Die Kranichbestände in Europa waren seit dem 18. Jahrhundert stark rückläufig (Gründe waren unter anderem Jagd, Zunahme der Bevölkerung, Industrialisierung, Änderung der Landnutzung, Trockenlegung von Mooren). 

Erst in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nahmen die Schutzbemühungen in Europa zu. In den skandinavischen Staaten, im Baltikum und in beiden Deutschlands wurde viel für den Kranich getan. Seit Mitte der 80iger Jahre gab es auch ein verstärktes Monitoring. Die Jungvögel wurden dazu in den Brutgebieten beringt und die Ringe wurden an den bekannten Rastplätzen entlang der Zugrouten abgelesen. Die Ringablesungen bestätigten im Wesentlichen  die drei bekannten Zugrouten. 

Wie aus den Beobachtungen im ornitho.de und auch aus den österreichischen Zugbeobachtungen hervorgeht, gab es aber in den Herbstmonaten auch in Österreich und Süddeutschland Beobachtungen der Kraniche auf dem Zug. Hier sind die Daten aus dem Herbst 2015 dargestellt. 

 

Aus den Zugbewegungen folgerten die Kranichforscher, dass die Kraniche wohl vom Hortobagy (Naturschutzgebiet im Osten Ungarns, wichtiger Sammel- und Rastplatz für Kraniche)  in Ungarn zumindest teilweise nicht weiter nach Süden geflogen sind, sondern hier eine abrupte Richtungsänderung vorgenommen haben und von Ungarn aus weiter nach Westen geflogen sind. Der Zugweg führte dann weiter entlang der Alpen (sowohl südlich als auch nördlich) in Richtung Westen nach Frankreich und Spanien. 

 

Im Jahr 2017 wurde in Estland ein Jungkranich beringt und besendert. Paslepa - so der Name des Kranichs - flog im Oktober 2017 von Estland nach Hortobagy, rastete dort eine Weile und flog dann Anfang November weiter Richtung Westen und durchquerte Bayern.  Damit war die Theorie einer geänderten Kranichzugroute entlang der Alpen bewiesen.  Vermutlich handelt es sich dabei nicht um neue Zugrouten, sondern um die Wiederbelebung alter Zugrouten, wie man aus Ortsnamen  und anderen Hinweisen schließen kann.

Kranich (Foto: Thomas Hafen)

Als Gründe für die Änderung der Zugrouten wurden von Miriam Hansbauer im wesentlich Folgendes angeführt: 

Auf Grund des Klimawandels werden Herbst und Winter in Mitteleuropa immer milder. Die Kraniche in Ungarn ziehen aus meteorologischen Gründen (Ostwindlagen, höherer Luftdruck, höhere Temperaturen) immer öfter nach Westen statt nach Süden. Die Zahl der in Ungarn und Deutschland überwinternden Kraniche nimmt langsam zu. Die Kraniche vermeiden damit den kräftezehrenden Zug und suchen sich neue Überwinterungsgebiete, da die traditionellen Gebiete im Mittelmeerraum und in Nordafrika immer trockener werden.

Außerdem führt die Ausweitung der Brutgebiete sowie die Erholung der Kranichbestände (man vermutet heute in Europa mindestens 140.000 Brutpaare) zu einer Erweiterung der Zugwege.

Mit 140.000 Brutpaaren, den dazugehörigen Jungvögeln sowie den Nichtbrütern ziehen jedes Jahr deutlich mehr als 500.000 Kraniche im Herbst  von den Brutgebieten im Norden in die Überwinterungsgebiete im Süden. 

Im Folgenden eine Tonaufnahme vom Kranichzug: 

Im November 2025 zogen wieder viele Kraniche durch Bayern. Es lohnt sich also, in der Zeit von Mitte Oktober bis Mitte November Augen und Ohren offenzuhalten, um auch in Bayern den Zug der Vögel des Glücks wahrzunehmen. 

Im Anschluss an den Vortrag gab es noch viele Fragen zum Kranich und zum Kranichzug , die von der Referentin umfassend beantwortet wurden. Bei den meisten Ornis klang durch, dass sie den Kranich für eine ganz besonders charismatische Vogelart halten und sich jedes Jahr über die Zugbeobachtungen freuen.

 

Ganz herzlichen Dank an Miriam Hansbauer, die in einem spannenden und sehr informativen Vortrag den Ornis der ASO das Phänomen des Kranichzugs nähergebracht hat. 

 

(Text: Pit Brützel; Fotos: Thomas Hafen; Grafiken aus dem Vortrag von Miriam Hansbauer)