Gemeinsam Bayerns Natur schützen

9. April 2024

 

Am zweiten Orni-Stammtisch im Jahr 2024 war als Referent Bernd-Ulrich Rudolph, der Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte Garmisch-Partenkirchen eingeladen, um über „Aktuelles aus der Vogelschutzwarte“ zu berichten.

Aus der Vielzahl der Themen, mit denen sich die Vogelschutzwarte beschäftigt hatte Bernd-Ulrich Rudolph folgende Themenschwerpunkte ausgewählt.

  • Saatkrägenmanagement
  • Wiesenbrüterschutz
  • Vogelschutz und Energiewende
  • Adebar 2
  • Graureihermonitoring.

 

Saatkrähenmanagement

 

Seit dem Jahr 2008 werden in Bayern die Saatkrähenbestände flächendeckend und vollständig gezählt. Verbreitungsschwerpunkt sind die Regierungsbezirke Oberbayern und Schwaben, daneben gibt es in Niederbayern und Unterfranken noch nennenswerte Bestände. In den anderen Regierungsbezirken gibt es erste kleinere Kolonien.

 

Bei der Vogelschutzwarte wird das Saatkrähenmonitoring organisiert, daneben gibt es – auf Grund von Landtagsanfragen – diverse Forschungsprojekte. So wurde in einem Projekt die Raumnutzung und die Hauptnahrungsflächen untersucht. Interessantes Ergebnis dabei war unter anderem, dass die Saatkrähen sehr stark von anthropogenen Nahrungsquellen wie Kompost- oder Biogasanlagen profitieren. In Erding bspw. fliegen die Saatkrähen während der Jungenaufzucht von einer großen Kolonie 9 (!)  Kilometer bis zu einer Kompostanlage, um dort Nahrung für die Jungen aufzunehmen. Das legt die Vermutung nahe, dass frei zugängliche Lagerstätten in Kompost- oder Biogasanlagen das Bestandswachstum der Saatkrähe zumindest unterstützen. Schadensereignisse auf den Feldern, die bei der Nahrungssuche der Saatkrähen entstehen, sind sehr dynamisch und von vielen Faktoren wie z.B. dem Wetter oder dem Grünlandanteil abhängig. In einem Versuchsgebiet variierte die Schadenssumme innerhalb von 3 Jahren von 100.000 € bis zu wenigen Tausend €.

 

In einem weiteren Projekt soll nun die Auswirkung von Vergrämungsmaßnahmen auf Feldern und in Ortschaften  untersucht werden. Auf Feldern kommen dabei auch letale Maßnahmen(Abschuss einzelner Saatkrähen) in Betracht. Nach aller Erfahrung führen Vergrämungsmaßnahmen allerdings zu keiner Reduktion der Saatkrähenbestände, sondern zu einer Verlagerung auf andere Nahrungsflächen oder, in Ortschaften, zur Zersplitterung und schlussendlich zu einer Vergrößerung der Bestände. Das wurde eindrucksvoll am Beispiel der Städte Weilheim und Augsburg dargestellt. Die Dynamik der Saatkrähenbestände ist in Weilheim (dort wird vergrämt) deutlich größer als im viel größeren Augsburg, wo nicht vergrämt wird.

Details zum Saatkrähenmanagement findet man hier.

Wiesenbrüterschutz

 

Die Bestände der Wiesenbrüter und Feldvögel sind zum größten Teil dramatisch eingebrochen, Uferschnepfe und Rotschenkel kommen in Bayern nur mehr mit einer Handvoll Brutpaaren in wenigen Gebieten vor. Bei anderen Arten sieht es nicht viel besser aus.

 

Beim Wiesenbrüterschutz organisiert die Vogelschutzwarte die Wiesenbrüterkartierungen und entwickelt daraus die Wiesenbrüterkulisse und die Feldvogelkulisse. Bei der Wiesenbrüterkulisse (u.a. Brachvogel, Bekassine, Uferschnepfe, Rotschenkel) werden Gebiete mit mehr als 25% Grünlandanteil berücksichtigt, bei der Feldvogelkulisse (Kiebitz, Grauammer, Rebhuhn, Ortolan) Gebiete mit weniger als 25% Grünlandanteil. Diese Kulissen bilden die Grundlage für die staatliche Naturschutzarbeit vor Ort, insbesondere für den gezielten Einsatz von Agrarumweltmaßnahmen (Vertragsnaturschutz- und Kulturlandschaftsprogramm).  Daneben ist ein Leitfaden „Prädationsmanagement“ in Vorbereitung, in dem die unterschiedlichen Arten der Zäunung, etc. dokumentiert und bewertet werden.

Details zum Wiesenbrüterschutz findet man hier.

Dichtezentren kollisionsgefährdeter Vogelarten
Dichtezentren kollisionsgefährdeter Vogelarten

Vogelschutz und Energiewende

 

Das Thema Energiewende mit den Aspekten PV-Anlagen, Windenergie und Stromtrassen ist ein zentrales Thema der Arbeit der Vogelschutzwarte. Bei den PV-Anlagen soll in den nächsten beiden  Jahren anhand von rund 20 größeren   Anlagen in Bayern untersucht werden, welche Auswirkungen PV-Anlagen auf die Vogelwelt haben. "Brüten Feldlerchen in PV-Anlagen?"  ist dabei eine der zentralen Fragen.

 

Bei den Windenergieanlagen wurde kurz das Projekt in Fuchstal, Landkreis Landsberg/Lech  vorgestellt, bei dem mit Hilfe von Kameras und Software (künstliche Intelligenz) kollisionsgefährdete Vogelarten (wie z.B. der Rotmilan) erkannt werden sollen. Bei Anflug dieser Arten soll dann das Windrad abgestellt werden. Das System befindet sich noch in der Erprobung.

 

Als Grundlage für die Genehmigung von Windenergieanlagen hat die Vogelschutzwarte für die 15 kollisionsgefährdeten  Vogelarten sog. Dichtezentren ermittelt, in denen eine Großteil dieser Vogelarten vorkommt. Basis für die Dichtezentren waren Kartierungen, aber auch Meldungen aus der Plattform ornitho.de. Details zum Thema Windenergie findet man hier.

 

Graureiherkolonie aus dem Bayernatlas
Graureiherkolonie aus dem Bayernatlas

Graureihermonitoring

 

Details zum Thema Graureihermonitoring findet man hier.

Seit mehreren Jahren werden im Rahmen des Monitorings seltener Brutvögel auch die Bestände des Graureihers bayernweit erfasst. Die Anzahl der Kolonien liegt bayernweit bei ca. 180 Kolonien mit ca. 3.200 Brutpaaren. Teilweise werden die Bestände der Graureiher durch Überflug der Kolonien mit Drohnen oder durch Auswertung von Luftbildern (z.B. Bayern Atlas) gezählt. Die Zählung aus der Luft ergibt insbesondere in Nadelwäldern sehr viel höhere Zahlen als bei der Zählung vom Boden aus. Erschreckend ist die hohe Anzahl der im Jahr erlegten Graureiher. Sie liegt bei ca. 6.000 geschossenen Reihern. Graureiher dürfen in den 6 Wochen zwischen 15. 9. und 31.10. an und in der Umgebung (200 m - Umkreis) von geschlossenen Gewässern, d.h. vor allem von Teichanlagen geschossen werden.

ADEBAR 2

 

ADEBAR, der Atlas Deutscher Brutvogelarten, wird in den nächsten Jahren eine Neuauflage erleben. Seit ADEBAR 1, hier wurde die Feldarbeit in den Jahren 2005 – 2009 geleistet, hat sich bei vielen Vogelarten die Verbreitung innerhalb Deutschlands signifikant verändert (z.B. Nilgans, Mittelspecht, Braunkehlchen, Kolkrabe). Deshalb wurde beschlossen, das Projekt ADEBAR 2 in den Jahren 2025 – 2029 durchzuführen. In Bayern wird das Projekt von der Vogelschutzwarte koordiniert werden. Das Vorgehen ist ähnlich wie bei ADEBAR 1, nur werden bei ADEBAR 2 alle fachlich belastbaren und geprüften Daten (ornitho, Monitoring seltener Brutvögel, etc.) den Kartierern zur Verfügung gestellt. Nähere Informationen zum Projekt werden im Laufe des Jahres 2024 zur Verfügung gestellt. Bernd-Ulrich Rudolph gab der Hoffnung Ausdruck, dass möglichst alle TK/4 Quadranten bearbeitet werden. Im Landkreis STA sollte das mit Hilfe der ASO-Aktiven möglich sein.

 

Während des Vortrags wurden schon viele Fragen gestellt und vom Referenten beantwortet, so dass die allgemeine Diskussion am Ende des Vortrags eher kurz war. Im persönlichen Gespräch konnten im Verlauf des Abends aber noch viele Themen mit Bernd- Ulrich Rudolph besprochen werden.

 

Für die ASO-Aktiven war es natürlich interessant zu erfahren, wie die Beobachtungs- und Monitoringdaten, die von den Aktiven der ASO erfasst werden, in die staatliche Naturschutzarbeit einfließen. Herzlichen Dank an Bernd-Ulrich Rudolph, der es ausgezeichnet verstanden hat, den Zuhörern einen Eindruck von der Arbeit der Vogelschutzwarte zu vermitteln.

 

 

(Text: Pit Brützel; Fotos: aus dem Vortrag von Bernd-Ulrich Rudolph)