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Der Baumfalke im Landkreis Starnberg

Eine feldornithologische Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft Starnberger Ornithologen (ASO) in 2022 – Bernhard von Prittwitz

Baumfalke (Foto: Wolfgang Höll)
Baumfalke (Foto: Wolfgang Höll)

 Zusammenfassung

 

Im Jahr 2022 konnten insgesamt von den beteiligten 10 ASO-Teilnehmern 4 Baumfalkenbrutpaare mit 8 Jungvögeln im Landkreis ermittelt werden.

 

Die erste Beobachtung eines Baumfalken, der als Langstreckenzieher im Winterhalbjahr überwiegend im südlichen Afrika verweilt, gelang am 19.April. Die letzte Beobachtung eines Baumfalken im Kreis erfolgte am 23.September.

 

In der Datenbasis über Ornitho.de erfolgten dazu 140 Beobachtungseinträge der Teilnehmer.

 Landkreis Starnberg und Lage der Fokusgebiete aufgrund der Ornitho-Daten
Landkreis Starnberg und Lage der Fokusgebiete aufgrund der Ornitho-Daten

Zielsetzung

Der Baumfalke wird in der Roten Liste der Brutvögel in Bayern aktuell in der Kategorie 3, Status gefährdet, geführt. Zielsetzung war es daher, möglichst viele Baumfalkenreviere im Landkreis zu finden und damit eine Grundlage für die weitere Beobachtung der Populationsdynamik dieser Art zu erhalten.

 

Methodik

In einem ersten Schritt wurden mit Hilfe von aggregierten Ornitho-Daten der letzten 10 Jahre für die Monate Juli bis September 8 Verdachtsgebiete

gebildet. Da der Baumfalke grundsätzlich als reviertreu gilt, sind wir mit der Arbeitshypothese gestartet, Meldungen zur fraglichen Brut- und Aufzuchtzeit entsprechen validen Revieren. Idealerweise ergibt sich damit auch eine Grundlage zum langfristigen Monitoring des Baumfalken im Landkreis.

Um bei der Suche zielgerichteter und effektiver vorzugehen, wurde für jedes Auswahlgebiet ein fester Teilnehmer festgelegt.

Abgesehen von den bereits existierenden Ornitho-Daten, gab es keine Vorgaben hinsichtlich des Tageszeitpunkts und der Art des Suchens. Hilfsweise wurde darauf hingewiesen, dass durch die Jungenaufzucht ab etwa Mitte August eine höhere Besuchsfrequenz des beutebeschaffenden Männchens besteht. Weiterhin, dass der Aktivitätsrhythmus des Baumfalken während des Tages in den frühen und späten Stunden (Dämmerung) mehr Chancen zur Beobachtung aufweist, als beispielsweise in den (heißen) Tagesstunden. Ansonsten galt die gerichtete Suche des Baumfalken dem (hohen) Luftraum, den Baumwipfeln – hohe Sitzwarten, zumeist Fichte – sowie den vernehmbaren Rufen. Kenntnisse zu den Baumfalkenrufen erweisen sich als essentiell bei der Reviersuche.

 

Baumfalke (Foto: Antje Geigenberger)
Baumfalke (Foto: Antje Geigenberger)

Ergebnisse

 

Die Nummerierung entspricht der Zuständigkeit der verschiedenen Teilnehmer. Folgende Gebietsergebnisse konnten im Detail und final geliefert werden.

 

1. Leutstettener Moos: Kein Revier- oder Brutnachweis
Manthal: Revier- und Brutnachweis mit mindestens 1 Immatur
Farchach: Kein Revier- oder Brutnachweis
Da das Leutstettener Moos 2,5 km von den Koordinaten Manthal, sowie die bisherigen Farchacher Meldungskoordinaten ca. 2-2,5 km entfernt liegen, könnten beide Reviere als Jagdreviere des Manthaler Brutpaars dienen. Wolfgang Spatz, für das Gebiet zuständig, ist optimistischer und geht davon aus, dass alle 3 Reviere wie bei Probst (1) unterlegt, valide sein könnten.

 

2. Gilching: Kein Revier- oder Brutnachweis

Das Gebiet um Gilching, d. h. der Jaisweiher und Umgebung, scheint, auch aufgrund der immer wieder gemeldeten Beobachtungen, weiterhin Potenzial für ein Brutrevier zu bieten. Suche und Beobachtung unternahm primär Richard Roberts. Als Jagdgebiet von Gut Hüll ist es mit 4 km Entfernung nicht ganz aus den in der Literatur genannten Reviergrößen auszuschließen.

 

3. Ampermoos: Kein Revier- oder Brutnachweis

Tobias Laure mit Peter Brützel als Back-Up nahmen sich dieses Fokusgebietes an. Für das Ampermoos beziehungsweise die angrenzenden Flächen mit geeigneten Baumbeständen konnte kein Revier gefunden werden. Wegen der immer wieder dort gemeldeten Baumfalken und dem Jagdreviercharakter bringt ein mögliches Monitoring in 2023 hierzu hoffentlich Genaueres.

 

4. Maisinger See: Kein Revier- oder Brutnachweis

Mit dem Gebiet am Maisinger See beschäftigte sich Sebastian Ludwig. Im Ergebnis verhält es sich ähnlich wie im Ampermoos. Das Gebiet wirkt stark Habitat verdächtig und wird von Ornitho-Meldern auch immer wieder mit Baumfalkenmeldungen versehen. Dennoch ergab sich keine Revier- oder Brutpaarmeldung

Kessellage, schematisch (Foto: Google Earth)
Kessellage, schematisch (Foto: Google Earth)

5. Oberbrunn: Revier- und Brutnachweis mit 2 Jungvögeln

Patrick Fantou nahm das Revier mit Bruterfolg aus dem Vorjahr unter seine Fittiche. Lange blieb es unsicher, wie viele Jungvögel dort großgezogen worden waren. Am 12.September gelang dann endlich der Nachweis für 2 Jungvögel. Das Habitat weist einen Fichten-„Kessel“ auf, der auch bei anderen Revieren als Muster auffiel. Die Baumsäume, zumeist Fichtenbestände, der Brut-„Homerange“ weisen eine halbkreisförmige Form auf. Das Revier wirkt damit optisch geschützter. Ob dies so arttypisch ist, konnte ich nicht mit Literaturangaben belegen.

 

6. Gut Hüll: Revier- und Brutnachweis mit 2 Jungvögeln

Für Gut Hüll gilt ein ähnliches Setting wie in Oberbrunn, ein Habitat mit Fichten-„Kessel“. Franz Pommer konnte 2 Jungvögel melden und damit die Fortsetzung eines Bruterfolges aus dem Vorjahr.

 

 

3 juvenile Baumfalken (Foto: Antje Geigenberger)
3 juvenile Baumfalken (Foto: Antje Geigenberger)

7. Hechendorf: Kein Brutnachweis, aber Reviernachweis eines Baumfalkenpaares

Nach 5 Jahren des gleichen Reviers mit immer wechselnden Horsten, zwei verlorenen Bruten in 2021 und 2020, konnte ein Baumfalkenpaar in etwa 1,5 km Entfernung von den alten Standorten mehrmals beobachtet werden. Allerdings ohne, dass ein Brutnachweis des Autors gelang.

Andechs: Kein Revier- oder Brutnachweis

Obgleich die Flächen um Andechs hinsichtlich Vegetations- und Wasserflächen für den Baumfalken ideal erscheinen und auch immer wieder Meldungen zu verzeichnen sind, konnte kein Nachweis eines Paares mit Revier erbracht werden.

Monatshausen: Kein Revier- oder Brutnachweis

Für dieses Gebiet gelang ebenso kein Nachweis, allerdings sind auch im Verhältnis zum zeitlichen Aufwand der Begehungen der anderen beiden Gebiete deutlich weniger Such- und Beobachtungszeiten angefallen.

 

8. Frohnloh: Revier- und Brutnachweis mit 3 Jungvögeln

Hier gelang Antje Geigenberger der Nachweis von 3 Jungvögeln. Da der Horst nahe an einer Durchgangsstraße lag, ergab sich der Eindruck eines „Drive-In Habitats“. Mit dem flüggen Dreier-Flight war dies in der räumlichen Nähe zu Gut Hüll und Oberbrunn, also eines gewissermaßen aggregierten Nachweises von 3 erfolgreichen Bruten, eine sehr positive Meldung. Auch an diesem Standort kann von einer Fichten-„Kessellage“ des Brutplatzes gesprochen werden.

 

Das macht am Schluss 4 erfolgreiche Paare mit mindestens 8 Jungvögeln. Die Fortsetzung des Revieres aus Hechendorf aus den Vorjahren konnte trotz Anwesenheit des Paares nicht eindeutig geklärt werden.

Erkenntnisse aus der Erfassung

 

Mögliche Brutpaardichte im Kreis Starnberg

 

Laut Probst (1) wurden für Österreich auf Probeflächen von >100 km2 Brutpaar-Mittelwerte von 3,0–6,3/100 km2 ermittelt. Ein Maximalwert von 13,2 Brutpaaren/100 km2 im Nationalpark Donau-Auen östlich von Wien stellt nach dem Po-Tal in Italien (19,3–29 Brutpaare/100 km2; 1994) den weltweit bisher zweithöchsten bekannten Dichtewert dar. 

Werden diese Angaben auf den Landkreis Starnberg mit 487 km2 Fläche übertragen, müsste es angesichts der im Landkreis doch recht günstigen Habitatstrukturen (mit einem reich strukturierten Mix aus Offenland, Siedlungen, fragmentierten Wäldern und Gewässern) deutlich mehr Brutpaare als 4 geben. Bei Übernahme der Angaben von Probst zu Reviergröße und Horstabstand in Österreich (BP-Mittelwerte von 3,0–6,3/100 km2 ) könnten laut Wolfgang Spatz zumindest 12 bis maximal etwa 24 Brutpaare vorkommen. 

Erwähneswert ist, dass die nachgewiesen Reviere Frohnloh, Hüll und Oberbrunn einen Abstand von nur2,4 km zum nächsten Revier hatten.

Neben den allgemeinen Habitat-Strukturen ist der Zusammenhang Revierbildung zu dem verfügbaren Nahrungsangebot insbesondere zu Schwalben-Brutbeständen zu diskutieren. Dies sollte daher im Jahr 2023 extra betrachtet werden.

 

Verbesserung der Nachweiswahrscheinlichkeit

 

Das Learning in Sachen Biologie und arttypisches Verhalten wie der bereits geäußerte Blick in den Luftraum, als auch die akustische Unterscheidung der Rufe und Laute zwischen Turmfalken und Baumfalken, sowie die geeignete Tageszeit und Saisonzeiten sind entscheidende Elemente, die Sucheffizienz zu verbessern. Hinsichtlich der Saisonzeit besteht ein optimales Beobachtungsfenster etwa Mitte Mai. Zu dieser Zeit besteht der Höhepunkt in Sachen Balz, danach wird es bis Mitte Juli heimelig und ruhig um etwaige Horst-Standorte.

Baumfalke (Foto: Antje Geigenberger)
Baumfalke (Foto: Antje Geigenberger)

Ausblick 2023

 

Nachdem die Teilnehmer grundsätzlich Interesse an der Fortführung dieser Untersuchung für 2023 bekundet haben, dreht sich bei der kommenden Suche viel um Effizienz und Fokus. Denn, nach wie vor gilt die Aussage von Probst (1), „Baumfalken sind nur schwer und mit viel Zeitaufwand zu erfassen“. Das durften alle Teilnehmer in 2022 persönlich erfahren, weshalb Ihnen hierfür auch mein Dank gilt! Die zukünftige Untersuchung ab April orientiert sich damit an

 

  • Festlegung der Zuständigkeiten der bekannten Reviere und gegebenenfalls eine weitere Ausweitung auf unbekanntes Landkreisterrain
  • Begehungen zu den Schwerpunktzeiten der saisonalen und tageszeitlichen Aktivität der Baumfalken

o   Anfang bis Mitte Mai Balz sowie Monitoring ab Aufzucht Mitte Juli bis Mitte September

o   Früher Morgen und Abenddämmerung tageszeitlicher Begehungsschwerpunkt; Abwesenheit des Männchens vom Horst zwischen 2 Fütterungen kann durchaus 1-3 Stunden betragen

  • Nullmeldungen sind in Ornitho erst einzutragen, wenn ein Revier bereits mit Ornitho-Code B4 und höher bekannt ist
  • Einschätzung im Zusammenhang zur Nähe von Schwalben-Kolonien
  • Monatliche Ergebnismeldungen aus den Ornitho-Daten für die Teilnehmer

 

Dann bleibt mir nur den Baumfalken als Hauptakteuren dieses Berichts für ihre elegante Himmelsstürmerei im Landkreis Starnberg zu danken und ihnen eine gute Rückkehr aus den Winterquartieren in Afrika zu wünschen. Sie haben diese Untersuchung möglich gemacht.

 

Quellennachweis:

(1): Remo Probst (2013): Der Baumfalke in Kärnten .  insbesondere S.76-92  (Link)

(2): Glutz, Bauer, Bezzel (1971): Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Bd.4 Falconiformes, insbesondere S.820

 

(Text: Bernhard von Prittwitz)