Gemeinsam Bayerns Natur schützen

Ein Rätselvogel

 Überraschung

 

Anfang Juni 2020 erhielt ich von einer Naturfreundin aus Starnberg eine Email mit einem Video und der Bitte um Bestimmung der dort aufgenommenen Vogelstimme. Die erste Vermutung der Absenderin war „Wiedehopf“.

 

Zur Aufnahmesituation schrieb die Filmerin: „Die Aufnahme wurde abends gegen 1930 gemacht. Die Stimme wurde hier zum ersten Mal gehört. Schien aus dem Wald herüberzukommen, der ungefähr Luftlinie 300 m entfernt ist. Zwischen Garten und Waldrand nur bestelltes Feld, ziemlich groß. Ich stand in unserem Garten bei der Aufnahme.

Raufusskauz (Foto: LBV-Archiv Christoph Moning)
Raufusskauz (Foto: LBV-Archiv Christoph Moning)

Eine Videoaufnahme mit einer gut hörbaren Stimme. Das sollte ja ein lösbares Problem sein. Aber weit gefehlt. Die Aufnahme wurde dann im Kreis der Arbeitsgemeinschaft Starnberger Ornithologen (ASO) unter einigen guten Stimmenkennern verteilt. Dass es kein Wiedehopf war, war allen sehr schnell klar. Alle Beteiligten kamen zu dem Schluss, dass es sich um einen Raufußkauz handeln müsse. Die Stimme würde zwar nicht ganz zu den Beispielen im www.xeno-canto.org passen, aber alle waren sich mit der Bestimmung recht sicher.

 

Eine große Überraschung und Freude. Der Raufußkauz ist im Landkreis STA ja ausgesprochen selten. Im ornitho wurde die Beobachtung mit der Tonaufnahme dokumentiert. Zwei in der Nähe des Aufnahmeorts wohnende Ornis wurden informiert und gebeten, sich die Sache in den nächsten Tagen mal anzusehen.

 

Erste Zweifel

 

Die vor Ort wohnenden Ornis konnten die Beobachtung leider nicht verifizieren. Allerdings kam eine erste vorsichtige Stellungnahme: „Von der Biotopbeschreibung her eigentlich kein geeigneter Platz für den Raufußkauz, es fehlen die Fichten, auch lebt die Waldkauzfamilie hier seit Jahren im ca. Umkreis von max. 100 Metern!  Gehört habe ich dieses Geräusch hier noch niemals.

 

Eine merkwürdige Situation. Aber es gibt ja in der bayerischen Ornithologengemeinde genügend Experten, die so etwas beurteilen können. Also gab es ein Mail an drei weitere Experten mit der Bitte um Unterstützung bzw. Bestätigung unserer Bestimmung.

 

Experte 1 hielt sich etwas bedeckt: „Sehr geheimnisvolle Rufe, die wohl mit den sehr leise/schwer zu vernehmenden Rufen "im Hintergrund" zusammenhängen. Die Rufe erinnern tatsächlich an einen Raufuß, ich hab aber beim kurzen Xeno-Canto-Check nix dazu gefunden. Ich kenne die Rufe zumindest nicht aus eigener Erfahrung - könnte mir auch vorstellen, daß der geheimnisvolle Rufer gar keine Eule/Kauz war... obwohl auch die Eulen sehr variabel rufen können.  Sorry, dass ich Dir/Euch (zumindest noch nicht) helfen kann.“

 

Experte 2 war sich (nach kurzem Anhören auf dem Handy) sicher, dass es ein Raufußkauz sei.

 

Und Experte 3 (ein ausgewiesener Raufußkauzkenner) war der Meinung, dass es wohl kein Raufußkauz sein könne. „Es gibt zwar einen ähnlichen Ruf beim Raufußkauz; der ist aber in Tonhöhe, Klangfarbe und Lautstärke nicht vergleichbar. Er ist über 300 m hinweg keinesfalls zu hören.“ Er vermutete eine Rufimitation durch den Eichelhäher.

 

Das Argument mit den 300 m Entfernung war natürlich bedeutsam. Nach dieser Info zog der Experte 2 sein Statement zurück („… die Entfernung hatte ich nicht ausreichend bedacht. Habs in der Eile außerdem nur auf dem Handy angehört, was man seriöserweise nicht machen sollte, da es immer etwas anders klingt als auf dem Rechner. So muss ich leider passen“).

 

Langsam wurden die Zweifel größer.

 

Weitere Recherchen

 

Nächste Instanz war die Bestimmungshilfe bei ornitho.de. Und von dort kam eine sehr überraschende Interpretation.  

 …also meine ehrliche Einschätzung ist, dass dich da jemand zum Narren halten will. Wie kann es sonst erklärt werden, dass nur ganz am Anfang und Ende kurz Grillen zu hören sind und dazwischen eine völlig rauschfreie Eulenaufnahme zu hören ist?
Allein die Entfernung zum Wald ist schon beträchtlich und da bräuchte man vermutlich eine gute Ausrüstung (ich bin da aber kein Experte). Das alles dann noch tagsüber ohne jeden Vogelruf oder -gesang und ohne Wind aufzunehmen halte ich für unmöglich.
Das ist Fake.

 

Fake – das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Warum sollte das jemand tun?  Also noch einmal genau in die Aufnahme reingehört. Und tatsächlich kann man erkennen, dass sich die Aufnahme am Anfang bzw. Ende von der Aufnahme in der Mitte unterscheidet. Jetzt gab es hektische Aktivitäten. Viele Mails, technische Untersuchungen, etc.

 

Auf dem Video war zudem am Ende noch eine Person mit einem Handy zu sehen. Sollte es vielleicht eine 2. Aufnahme der Situation geben? Eine Nachfrage bei der Einsenderin des Videos ergab dann überraschende Erkenntnisse. Es gab eine weitere Aufnahme der Situation mit einem 2. Handy – auf dieser waren allerdings die vermeintlichen Raufußkauzrufe nicht zu hören. Und noch viel interessanter: Die Vogelstimme hatten die beiden Filmer während der Aufnahme gar nicht wahrgenommen, sondern erst beim Abspielen des 1. Videos bemerkt.

 

Langsam wurde klar, dass mit der Videoaufnahme irgendetwas nicht stimmt. Von der sicheren Raufußkauzbestimmung waren wir schon lange abgekommen, im ornitho wurde die Beobachtung wieder gelöscht.

 

Die Lösung

 

Gerhard Huber, stellvertretender Leiter der ASO und von Beruf Physiker, hat sich dann näher mit den Videoaufnahmen auseinandergesetzt und eine interessante Theorie aufgestellt.

 

Aus seinem Mail (betitelt als „forensisches Gutachten“):

 

Nach ca. 2s passiert etwas mit der Aufnahme. Im Ton verschwinden das Rauschen und das Zirpen der Grillen, man hört sogar eine Stimme im Hintergrund (wohl die Frau), die plötzlich abbricht. Dafür kommen die (vermeintlichen) Rfk-Rufe und zwei andere, seltsame Rufe hinzu. Im Bild fällt auf, dass exakt zur selben Zeit das für eine Handaufnahme typische "Zittern" oder "Wackeln" einfriert und das Bild wie vom Stativ aufgenommen wirkt. Ich gehe davon aus, dass hier in der Bildspur entweder stark bearbeitet worden ist (solche Software-Stabilisatoren gibt es), oder dass das Handy selbst einen Bildstabilisator hat.

 

Fest steht für mich außerdem: Wenn die Rufe wirklich so laut gewesen wären, hätte man sie auch mit bloßem Ohr gehört und auch auf beiden Handys drauf haben müssen. Die Mikrophone der Handys haben überhaupt keinen Richtcharakter.

Es ist also unzweifelhaft so, dass die Aufnahme auf irgendeine Art und Weise bearbeitet wurde. Ich glaube, dass eine oder mehrere Art Filter - wissentlich oder unwissentlich - angewendet wurden, die erstens das Bild stabilisiert und zweitens den Sound reinkopiert haben. Vielleicht hat die Handykamera einen eingebauten Bildstabilisator, teure Smartphones haben das durchaus, das könnte das verschwindende Wackeln erklären. Aber warum sollte sich der Sound gleichzeitig ändern? Das muss separat gemacht worden sein. Der Sound zwischen 2s-15s hat höchstwahrscheinlich überhaupt nichts mit der Aufnahme zu tun!
(Ende des „forensischen Gutachtens“)

Feldgrille (Foto: LBV-Archiv - Frank Derer)
Feldgrille (Foto: LBV-Archiv - Frank Derer)

Eine interessante Theorie. Aber was für ein „Filter“ sollte das sein? Es wurde immer rätselhafter. Rückfragen und weitere Recherchen mit den Filmern der Aufnahmen ergaben dann folgende überraschende Lösung.

 

Wenn man mit einem Handy Grillenzirpen in Zeitlupe aufnimmt und diese Aufnahme dann abspielt, dann klingt es so ähnlich wie der Raufußkauz.

 

Anscheinend wurde bei der Videoaufnahme in der Mitte der Aufnahmesequenz unabsichtlich die Zeitlupe eingeschaltet und später wieder ausgeschaltet. Der „Filter“ war also ganz einfach die Zeitlupenfunktion.

Grillenzirpen in Zeitlupe klingt so ähnlich wie ein Raufußkauz!

 

Frei nach Skakespeare: Es war die Grille und nicht der Raufußkauz.

 (Text: Pit Brützel)