Der Turmfalke (Falco tinnunculus)

junger Turmfalke mit deutlichem Interesse an Büroarbeit
junger Turmfalke mit deutlichem Interesse an Büroarbeit
männlicher Turmfalke (Foto: Ursula Wiegand)
männlicher Turmfalke (Foto: Ursula Wiegand)

Es ist Mitte Juli, und ein kleiner Greifvogel taumelt an meinem Fenster vorbei. Die Landung im Baum wirkt noch etwas unbeholfen. Vom Nachbarzimmer aus sehe ich: Es ist ein junger Falke, der dort im Geäst turnt, und sich schließlich sein Gefieder wieder zurecht zupft. Er scheint der erste flügge gewordenen Jungvogel der diesjährigen Brut zu sein.

 

Seit zwei Jahren verbringe ich meine Arbeitstage in Gesellschaft von Turmfalken. Nein, ich habe nicht das Glück, im Tierschutz oder als Falkner meine Brötchen zu verdienen, sondern gehe einem ganz normalen Bürojob in Bayerns Landeshauptstadt nach. Doch schräg über meinem Fenster, in der Leuchtreklame meines Arbeitgebers, hat sich ein Brutpaar niedergelassen. Turmfalken bauen - wie alle Falken - keine Nester, aber in der inneren Rundung des Buchstaben "O" , haben "meine" Falken in einem ehemaligen Krähennest ihre Heimat gefunden. Ob die Übernahme friedlich erfolgte, ist mir nicht bekannt. Aber die Krähenfamilie residiert inzwischen in den "Buchstaben" um die Ecke, und Nachbarschaftsstreitigkeiten in der Luft bleiben oft nicht aus.

 

Bereits im März waren in diesem Jahr wieder die vertrauten Rufe zu hören. Dabei sollen sich bei Weibchen elf und bei Männchen über neun unterschiedliche Lautäußerungen unterscheiden lassen. Eine solche Vielfalt erschließt sich leider meinem Gehör nicht, auch nicht, als mit schrillen Rufen die ersten Balzflüge erfolgten. Zur Paarung ließen sich beide Altvögel völlig ungeniert auf dem Dach des Nachbargebäudes nieder. Turmfalken legen meist 3 bis 6 Eier, und auch in unserem "Nest" befanden sich im Frühjahr sechs ockergelbe, stark gefleckte Eier, die - wie bei der Art üblich - überwiegend vom Weibchen ausgebrütet wurden.

männlicher Turmfalke (Foto: Antje Geigenberger)
männlicher Turmfalke (Foto: Antje Geigenberger)

 

Jetzt im Juli drängen sich fünf Jungvögel, deren Federkleid schon ausgebildet ist, friedlich am Brutplatz: Junge Falken sind untereinander wenig aggressiv. Beide Elternteile schaffen fleißig Futter herbei, aber den typischen Rüttelflug, bei dem der Vogel in der Luft verweilt und nach geeigneter Beute Aussicht hält, konnte ich von meinem Fenster aus bislang nicht beobachten. Ein Zeichen dafür, dass der Vogel zur Beutesuche in der Regel ein anderes Gebiet aufsucht. Er benötigt für die Jagd nach Wühlmäusen freie Flächen wie den nahegelegenen Park oder Felder am Stadtrand. Von den Falken, die im Turm der Münchner Frauenkirche  brüten wissen wir, dass sie pro Maus jeweils mindestens drei Flugkilometer zurücklegen. Turmfalken scheinen dabei eine Entfernung von bis zu fünf Kilometer zu ihren Jagdplätzen zu tolerieren. Turmfalken, die in Städten leben, erbeuten zudem kleine Singvögel wie Haussperlinge oder Nestlinge von Tauben. Auch Regenwürmer und Insekten gehören zur Kost, v.a. wenn keine Kleinsäuger zur Verfügung stehen - oder wenn ausgeflogene Jungvögel noch über wenig Erfahrung bei der Jagd auf Kleinsäuger verfügen.

 

Ich aber warte voller Spannung auf weitere Flugversuche unserer Mitbewohner. Im vergangenen Jahr schafften es neugierige Jungvögel durch offene Fenster bis auf die Schreibtische meiner Kollegen - zur Verwunderung auf beiden Seiten!

 

Nachtrag: Aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt, zeigt sich mir der Nistplatz verwaist. Im August konnten aufmerksame Kollegen noch zahlreiche Flugversuche der flügge gewordenen fünf Falken beobachten. Vom Zugverhalten der Turmfalken wissen wir, dass dieses v.a. vom Nahrungsangebot abhängt, das im Brutareal zur Verfügung steht. Die Turmfalken in Deutschland sind überwiegend Stand- und Strichvögel, d.h. sie bleiben ganzjährig im Brutgebiet oder bleiben zumindest in unseren Breiten, ohne jedoch Wanderungen nach Süden zu unternehmen. Nur wenige ziehen ab September in die Mittelmeerländer oder nach Afrika. Wohin sind wohl unsere Falken gezogen, und welches Schicksal wird sie ereilen? Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr erstes Lebensjahr überleben, liegt bei ca. 50 Prozent. Vor allem in den harten Wintermonaten Januar und Februar können sowohl Jung- wie auch Altvögel verhungern, wenn ungünstige Witterungsbedingungen die Jagd einschränken. Werden uns die aufgeregten Rufe "unserer" Falken auch im nächsten Frühling wieder täglich begleiten?

 

(Text und Fotos, soweit nicht anders vermerkt: Klaus-Peter Hütt)


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